Zum Inhalt springen

Die Vision eines zinsfreien Unternehmertums

Eine persönliche Annäherung an ein altes Verbot, eine aktuelle Krise und eine unternehmerische Haltung
10. Januar 2026 durch
Die Vision eines zinsfreien Unternehmertums
Michael Kleeberg

Das Zinsverbot ist älter als jede moderne Volkswirtschaft. Es ist älter als Banken, älter als Nationalstaaten, älter sogar als das, was wir heute unter Kapitalismus verstehen. Und doch wirkt es auf den ersten Blick anachronistisch – wie ein moralischer Fremdkörper in einer Welt, die sich über Rendite, Wachstum und Skalierung definiert.

Gerade deshalb lohnt es sich, noch einmal genau hinzusehen.

Denn das Zinsverbot ist kein technisches Detail. Es ist ein Grundsatzurteil über das Verhältnis von Mensch, Zeit und Geld.

Das Zinsverbot – theologisch gedacht

In den großen monotheistischen Traditionen ist das Zinsverbot kein Randthema, sondern Ausdruck eines zentralen Gedankens:

Geld darf nicht aus sich selbst heraus wachsen.

Im jüdischen Denken ist der Zins unter Brüdern untersagt, weil er Abhängigkeit schafft.

Im Christentum wird der Wucher geächtet, weil er Not ausnutzt und Zeit verkauft.

Im islamischen Recht ist Riba verboten, weil Geld kein eigenständiges Wertschöpfungssubjekt sein darf.

Unterschiedliche Traditionen, ein gemeinsamer Kern:

Zins wird als Trennung von Verantwortung und Ertrag verstanden.

Wer Zinsen verlangt, trägt kein unternehmerisches Risiko mehr. Er profitiert vom bloßen Verstreichen der Zeit – unabhängig davon, ob reale Wertschöpfung stattfindet oder nicht.

Theologisch ist das eine Grenzüberschreitung:

Zeit gilt als etwas, das dem Menschen nicht gehört. Wer Zeit monetarisiert, erhebt einen Anspruch, der ihm nicht zusteht.

Philosophisch betrachtet: Geld, Zeit und Macht

Philosophisch ist der Zins vor allem eines: ein Machtinstrument.

Zins bedeutet, dass der Schuldner immer in der Zukunft arbeitet – für eine Vergangenheit, die er nicht mehr ändern kann. Er verschiebt Macht von der Gegenwart in die Vergangenheit, von der Leistung zur Verpflichtung.

Schon Aristoteles hielt den Zins für widernatürlich, weil Geld dazu da sei, Tausch zu ermöglichen – nicht, sich selbst zu vermehren. Geld, das Geld erzeugt, ohne reale Arbeit, ohne Risiko, ohne Verantwortung, war für ihn ein Denkfehler.

Moderne Ökonomie hat diesen Denkfehler institutionalisiert.

Zins ist heute kein moralisches Problem mehr, sondern eine Selbstverständlichkeit. Und genau darin liegt seine philosophische Sprengkraft: Was selbstverständlich wird, wird nicht mehr hinterfragt.

Moralisch gesehen: Wo beginnt Unfreiheit?

Moralisch ist der Zins kein absolutes Übel. Aber er ist ein Strukturprinzip, das Abhängigkeiten erzeugt.

Ein Unternehmer, der fremdfinanziert arbeitet, ist nie vollständig frei.

Nicht, weil er unfähig wäre, sondern weil er permanent unter Zeitdruck steht: Tilgungspläne, Zinslasten, Covenants. Entscheidungen werden nicht mehr allein nach Sinn, Qualität oder Nachhaltigkeit getroffen, sondern nach Liquidität.

Moralisch problematisch wird das dort, wo Zins nicht mehr Mittel, sondern Zwang wird. Wo Unternehmertum nicht mehr Gestaltung, sondern Bedienung eines Schuldmechanismus ist.

An diesem Punkt hört für mich der theoretische Diskurs auf – und die persönliche Motivation beginnt.

Meine persönliche Annäherung an die Zinsfreiheit

Mein Interesse an zinsfreiem Unternehmertum ist nicht religiös motiviert im engen Sinne. Es ist auch kein politisches Statement. Es ist das Ergebnis unternehmerischer Erfahrung.

Ich habe gesehen, wie schnell gute Unternehmen schlechte Entscheidungen treffen, wenn Finanzierung zum dominierenden Faktor wird. Wie Stabilität geopfert wird, um Wachstumsversprechen einzulösen. Wie Verantwortung an Banken ausgelagert wird, statt im Unternehmen zu bleiben.

Und ich habe mich gefragt:

Was wäre, wenn Kapital wieder Mittel wäre – nicht Maßstab?

Zinsfreiheit erschien mir nicht als Einschränkung, sondern als Befreiung.

Nicht schneller wachsen zu müssen. Nicht jeden Euro doppelt rechnen zu müssen. Nicht permanent in Vorleistung für eine abstrakte Rendite zu arbeiten.

Zinsfreiheit ist für mich kein Verzicht, sondern ein Ordnungsprinzip.

Die harte Realität: Eine Vision ohne Infrastruktur

Und genau hier beginnt das eigentliche Problem.

Wer heute versucht, unternehmerisch zinsfrei zu arbeiten, stößt sehr schnell an Grenzen – nicht wirtschaftlich, sondern strukturell. Bereits beim ersten Schritt: dem Geschäftskonto.

Klassische Banken sind zinsgetrieben. Ihre Systeme, Prozesse und Ertragsmodelle sind darauf ausgelegt. Ein Kunde ohne Kreditbedarf ist dort ein Randphänomen.

Alternative, ethisch positionierte Anbieter existieren – aber sie sind selten, überlastet und strukturell überfordert. Holding-Strukturen, Unternehmergesellschaften in Gründung, Beteiligungsmodelle ohne operative Umsätze passen nicht in standardisierte Prüfpfade.

So entsteht eine paradoxe Situation:

Je sauberer, transparenter und risikoärmer eine Struktur ist, desto erklärungsbedürftiger wird sie.

Zinsfreiheit scheitert nicht an der Idee, sondern an der fehlenden Infrastruktur.

Der einzige Anbieter – und seine Grenzen

In Deutschland gibt es faktisch nur einen ernstzunehmenden Anbieter, der zinsfreies Banking auch für Unternehmen anbietet. Diese Monopolstellung ist kein Vorwurf – sie ist ein Symptom.

Ein einzelnes Institut kann die Vielfalt moderner Unternehmenskonstruktionen nicht tragen. Es kann nicht jede Holding, jede UG, jede Beteiligungsstruktur individuell prüfen. Die Folge sind lange Prozesse, hohe Hürden und letztlich Ablehnungen, die weniger inhaltlich als kapazitiv begründet sind.

Ethik scheitert hier nicht am Willen, sondern an der Überforderung.

Zinsfreies Unternehmertum als Haltung – nicht als Produkt

An diesem Punkt musste ich akzeptieren:

Zinsfreies Unternehmertum ist derzeit weniger eine bankfähige Struktur als eine innere Haltung.

Es zeigt sich in Entscheidungen:

  • Gewinne reinvestieren statt fremdfinanzieren

  • Beteiligung statt Verschuldung

  • organisches Wachstum statt kreditgetriebenem Expansionismus

  • Stabilität vor Skalierung

Das ist kein einfacher Weg. Er ist langsamer, unbequemer und oft erklärungsbedürftig. Aber er ist für mich der redlichere.

Schlussgedanke: Das alte Verbot als moderne Frage

Das Zinsverbot ist kein Relikt. Es ist eine Frage, die uns heute dringlicher betrifft als je zuvor:

Wem dient Kapital? Und wer dient ihm?

Solange zinsfreies Unternehmertum keine tragfähige Infrastruktur findet, bleibt es eine Minderheitenposition. Aber jede ernsthafte Veränderung beginnt genau dort.

Nicht bei der perfekten Lösung – sondern bei Unternehmern, die sich weigern, das Falsche nur deshalb zu tun, weil es bequem ist.

Die Vision eines zinsfreien Unternehmertums
Michael Kleeberg 10. Januar 2026
Diesen Beitrag teilen
Stichwörter
Archiv
Wenn das Richtige nicht reicht
Ein Essay über die Mühen der Kontoeröffnung für eine UG – und über Ethik im Zeitalter der Compliance